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„Hermann Broch und die Künste“
Eine internationale Tagung in Prag, 26.-28. Juni 2008

Exposés

Antje Büssgen (Université catholique Louvain): „Die Farbreflexion bei Hermann Broch“
Der Vortrag konzentriert sich, vor dem Hintergrund von Hermann Brochs Einstellungen zur  bildenden Kunst, auf dessen Reflexionen zum Problem der Farbe. Dieses konkrete Motiv wird ferner mit den Farbtheorien und Reflexionen seiner Zeitgenossen kontrastiv in eine Beziehung gesetzt. Die vergleichende Perspektive (insbesondere mit Blick auf Rainer Maria Rilke) stellt einen Beitrag zur Erforschung von Brochs Auffassung der modernen Kunst dar.

Bernhard Fetz (Universität Wien): „Hermann Broch und die Musik“
Die Musik ist es, die für Hermann Broch „wie ein letztes Zeichen des Geistes und des Logos in ihrer Allgemeingültigkeit über allem Humanen schwebt“. Im Hören wird der Mensch „wieder zu dem, was er einstens war, zum Menschen. Beinahe scheint es, als sei die Musik den Gefahren dieser rationalen Welt weit weniger ausgesetzt als jede andere menschliche Tätigkeit oder Äußerung“. Musik in diesem Sinne transzendiert den rhetorischen Charakter von Sprache. Sie ist das Medium, das den Blick ins Paradies weist, wo alle Gegensätze in eins fallen. Einzig der Musik schreibt Broch in einer zerfallenden Welt noch die Kraft zur Synthese zu. Der Vortrag möchte Brochs Aussagen zur Musik mit jenem „Rhythmus der Ideen“ (Broch) zusammen lesen, der nicht nur Brochs literarische Texte prägt. Außerdem soll eine Verbindung zu Thomas Bernhard hergestellt werden, in dessen Werk die Musik bekanntlich die zentrale Rolle einnimmt. Für Broch und Bernhard ist die Musik ein absoluter Fluchtpunkt inmitten einer sich in Auflösung befindlichen Welt, wenngleich unter ganz anderen lebensgeschichtlichen und produktionsästhetischen Voraussetzungen.

Werner Frick (Universität Freiburg): „´Klingendes Sinnbild alles Gedachten´: Musik in Brochs 'Schlafwandler'-Trilogie

John Hargraves (New York City): "Hermann Broch im Dialog mit der Musik seiner Zeit"
Der Vortrag thematisiert die regen Beziehungen, die Hermann Broch zeit seines Lebens mit Komponisten, Musiktheoretikern und Musikkritikern unterhalten hat.

Jürgen Heizmann (Université de Montréal): „Hermann Broch und der Film”
Im Vergleich zu Musik, Malerei und Architektur scheint die siebte Kunst in Hermann Brochs Denken und Schaffen nur eine untergeordnete Stellung einzunehmen. Weder übertrug er, wie etwa Alfred Döblin oder Irmgard Keun, Darstellungsmittel des Films auf die eigene schriftstellerische Produktion, noch spielte der Film  in seinen Reflexionen zu Kunst und Mythos eine tragende Rolle. Doch Broch hatte nach eigener Aussage durchaus Anfälle von Kinosucht und setzte sich, vor allem im amerikanischen Exil,  mit der neuen Kunstform auseinander. Darüber hinaus versuchte er sich auch als Drehbuchautor. Bekannt ist sein Filmskript Das Unbekannte X aus dem Jahr 1935. Doch auch zu den Schlafwandlern erwog er ein Treatment, und 1946 arbeitete er gemeinsam mit Friedrich Torberg an einem Filmskript zu Franz Werfels Roman Stern der Ungeborenen. Der Vortrag versucht Brochs Beschäftigung mit dem paradigmatischen Medium der Moderne nachzuzeichnen und seinen filmästhetischen Standort zu bestimmen.

Jörn Peter Hiekel (Musikhochschule Dresden)/Alice Stasková (Karluniversität Prag): „Jean Barraqué und Hermann Broch“
Das Werk Hermann Brochs bedeutete für den Komponisten Jean Barraqué eine Inspiration sowohl in kompositorischer als auch in philosophischer Hinsicht. Zunächst soll dieser Inspiration analytisch in Barraqués Kompositionen nachgegangen werden, dann werden mögliche Implikationen dieser Analysen mit Blick auf Hermann Brochs Werk und dessen Strukturen erwogen. Zum Schluß soll auch auf andere Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hingewiesen werden.

Claudia Liebrand (Universität Köln): „Brochs Treatment Das Unbekannte X – eine filmhistorische Verortung“
Broch erarbeitete 1935 in Anlehnung an seinen (zwei Jahre früher entstandenen) Roman Die Unbekannte Größe ein Filmskript Das Unbekannte X, das er der Wiener Vertretung der Paramount zur Umsetzung anbot. Obgleich das Projekt nicht realisiert wurde, ist das Treatment von Interesse, lässt es doch Rückschlüsse darauf zu, auf welche Filmtraditionen und –genres der kinobegeisterte Broch rekurriert und wie er diese Vorgaben verhandelt. So greift Das Unbekannte X auf Montagetechniken à la Eisenstein zurück, aber auch auf Muster des sogenannten wissenschaftlichen Films. Techniken des expressionistischen Films werden adaptiert und umgestaltet. Es geht dem Vortrag also um eine Positionierung des Skripts in der Filmkultur der 30er Jahre. Erörtert wird der spezifische Umgang Brochs mit Problemen visueller Gestaltung und Fragen des Filmtons.

Sarah McGaughey (Dickinson College): “Ornament und Architektur: Hermann Brochs Stil-Konzept im Architektur-Diskurs seiner Zeit“
Henry Van de Velde, Adolf Loos, Peter Behrens – diese bekannten Architekten der Moderne kommen immer wieder im Frühwerk Hermann Brochs vor. Ihre Bauten und Schriften gelten noch hundert Jahre später als repräsentativ für den Stil der Moderne in der Architektur. Sie bilden auch das Fundament einer neuen internationalen Bewegung, die noch heute mit dem Hervortreten von Funktion in der Definition ihres Stils verbunden ist.  Broch erkannte damals die Aussagekraft dieser Kunst und unternahm eine Kritik daran, die die Gewichtigkeit von Funktion in Frage stellte. In meinem Beitrag werde ich die Theorien und Bauten zu Brochs Zeitgenossen genauer vorstellen, um seine Kritik zu erörtern. Die Suche nach und die Untersuchung von Stil verbindet Brochs Werk mit dem Architekturdiskurs seiner Zeit. Damit tritt eine weitere Dimension seines Stil- und Kulturbegriffes hervor.

Gunther Martens (Universität Gent): „Hermann Broch als Kritiker und Rezensent“
Hermann Broch hat sich in seinen Rezensionen und Kritiken vorwiegend literarischen Texten gewidmet. Dennoch liegt seinen Äußerungen ein allgemeineres Kunstverständnis zugrunde, das auch andere Kunstbereiche einbezieht. Argumentativ geht Broch dabei polemischer Zuspitzung nicht aus dem Wege. Insbesondere ist hier die Architektur in Betracht zu ziehen: Im “Zerfall der Werte”-Essay klingt das Thema des “Verlusts des Ornaments” an. Die “moderne” funktionalistische Baumethode bedinge einen Verlust des “repräsentativen” Stils; mit deutlich pejorativem Akzent ist von der Gefahr die Rede, in die “komischen Gebilde eines Van de Velde zu verfallen.” Das Werturteil, das hier ausgesprochen wird, kehrt - und zwar mit fast identischen Worten - im Hofmannsthal-Essay wieder, den Broch im amerikanischen Exil verfasst hat: Auch dort ist der Jugendstil des belgischen art nouveau-Architekten Van de Velde “kein Stil, sondern eine kaufgewerbliche Geschmacksrichtung, die niemals zum Architektonischen vorzustoßen vermochte, und für die kein Gebäude in späteren Jahrhunderten zeugen wird.” Aus welchen ideengeschichtlichen Quellen speist sich diese Absage, und was motiviert die Radikalität ihrer Formulierung? Diese Fragen sollen das übergeordnete Frageinteresse leiten: das Interesse am argumentativen Stil von Brochs Schreiben.

Helga Mitterbauer (Universität Graz): „Auf der Suche nach einer ´totalitätserfassenden Erkenntnis´. Hermann Broch im Spannungsfeld der Künste“
Im Essay „James Joyce und die Gegenwart“ bewertet Hermann Broch das künstlerische Oeuvre Pablo Picassos ebenso hoch wie das dichterische des irischen Autors. Beider Werk wird aufgrund ihrer Simultaneität, ihrer Komplexität eine Wirklichkeitstotalität zugeschrieben, konkret das Potential, die Wirklichkeit der Epoche zu umfassen – und zwar bei gleichzeitiger Hinterfragung, ob von einer solchen überhaupt noch gesprochen werden könne. Ausgehend von der Schlafwandler-Trilogie und Essays in deren Umfeld zeichnet der Vortrag Vorstellungen von Ganzheit im modernen Roman auf komparatistischer Ebene nach; besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Diagnose einer „Mission einer totalitätserfassenden Erkenntnis“ im Bereich der bildenden Kunst, der Architektur und der Musik.

Gabriella Rácz (Universität Veszprem): „Musikalische Bezüge in Hermann Brochs ´Die Schuldlosen´“
In der neueren Forschungsliteratur zu „Die Schuldlosen“ wird die Bezugnahme auf Mozarts „Don Giovanni“ nicht mehr als „ein ungelöstes Rätsel“ hintangestellt, sondern meistens ausgehend von Brochs musiktheoretischen Bemerkungen und mit jeweils anderen Schwerpunkten und unterschiedlichen textanalytischen  Gewichtungen als Interpretationsbasis angesehen.
Mit einem kritischen Blick auf die Forschungsliteratur und vor dem Hintergrund neuerer Konzepte der Intermedialität im Allgemeinen (Rajewsky) sowie der von Literatur und Musik im Besonderen (Wolf, Helbig in erster Linie) geht der Beitrag der Funktion der Oper für den Novellenroman nach. Dabei wird die intermediale Bezugnahme als eine semiotisch-semantische angesehen, deren Typen und Funktionen Parallelitäten mit denen der Intertextualität aufweisen. 
Mit einer textzentrierten Analyse sucht der Beitrag Antwort auf Fragen, wie: Auf welchen Textebenen erscheint die musikalische Bezugnahme auf eine Oper, die ihrerseits auch Text ist? Inwiefern handelt es sich hier um ein „Kunstzitat“, im Sinne Eilerts, indem Parallelen oder Kontraste zu Handlungsführung, Figurenkonzept sowie Symbolik ermittelt werden können? Legt die Referenz auf Musik ästhetische und Kompositionsprinzipien des Textes frei bzw. wird durch die Musikalisierung auf allgemeine kunsttheoretische oder produktionsästhetische Fragen reflektiert?

Hartmut Steinecke (Universität Paderborn): „Brochs Hofmannsthal-Essay – ein Muster kulturwissenschaftlichen Schreibens?“
Broch hat den ersten Teil seines Essays als breites Epochenbild angelegt: „Die Kunst und ihr Un-Stil am Ende des 19. Jahrhunderts“. Er geht dabei auf eine Reihe von Künsten und Wissenschaften ein: Architektur, Malerei, Musik, Tanz, Philosophie. Verbindet der Autodidakt Broch seine Lesefrüchte zu einem durch Spekulation zusammengehaltenen Potpourri, schreibt er als „Polyhistor“ oder handelt es sich  um methodisch reflektiertes Schreiben, interdisziplinär und kulturwissenschaftlich avant la lettre? Solchen Fragen will der Vortrag nachgehen.

Friedrich Vollhardt (Universität München): „Ethik und Ästhetik. Aspekte einer traditionsreichen Verhältnisbestimmung in den theoretischen Schriften Hermann Brochs“
Von den Neukantianern hat Broch den Gedanken eines neben der psycho-physikalischen Wirklichkeit existierenden ’dritten Reichs’ geltender Werte übernommen, das sich dem Handelnden nur in der ethischen Forderung, im Sollen, mitteilt, dessen Ziel im „Absoluten und Unendlichen“ liegt (KW 9/2, S. 90 u. ö.). Mit moralischen Verhaltensforderungen hat dies nichts zu tun. Es geht vielmehr um das intentionale wie reale wertsetzende Handeln des Individuums in seinem Bezogensein auf die Sphäre des Absoluten; es soll das Doppelgesicht des Begriffes ’Wert’, nämlich ethischer Akt und ästhetisches Resultat (S. 90) zu sein, in dieser Bindung verstanden werden. Broch hat aus dieser geltungstheoretisch begründeten Relation weitgehende Folgerungen im Blick auf kunsttheoretische Fragen gezogen, denen ich in meinem Vortrag nachzugehen versuche.

Doren Wohlleben (Universität Augsburg/Friedrich-Alexander Universität Erlangen): „Vom Bild zur Stimme? Gesichtsbeschreibungen in H. Brochs Romanen Die Schlafwandler und Der Tod des Vergil
Gesichter zu lesen gehört zu den hermeneutische Grundprinzipien, die jedem Menschen in die Wiege gelegt sind; Gesichter zu beschreiben zu einem der ehrgeizigsten Unternehmen dichterischen Schaffens, das so alt ist wie die Literatur selbst. Die Gesichtsbeschreibung ist zugleich Geschichtsschreibung, eine Literatur- und Kulturgeschichte moralischer Sittengefüge, aber auch poetologischer Selbsteinschätzungen. An den Gesichtsbeschreibungen, so heißt es, lässt sich ein Literat literaturhistorisch verorten. Im Falle Hermann Brochs fällt dies jedoch nicht leicht, denn hier treffen verschiedene Traditionen aufeinander, die – wie so oft bei Broch – eine Spartenzuweisung schwierig, wenn nicht unmöglich machen. Von dem Versuch einer realistischen, Detail verliebten Schilderung, die mit Landschaftsbeschreibungen korreliert, über groteske, manchmal auch kafkaeske Verzerrungen in den Schlafwandlern bis hin zu einer mystischen, eventuell auch in der Tradition jüdischer Hermeneutik lesbarere Verherrlichung des „Menschenantlitzes“ im vierten Buch des Tod des Vergils (S. 432) sind bei Broch alle Facetten von Figurenzeichnungen vertreten. Diese Beschreibungen von Menschen sind stets Orte poetologischer Reflexion über das Verhältnis von Ethik und Ästhetik, Kunst und Kitsch und lassen sich kritisch auf die philosophischen Essays Brochs beziehen. Stationen solcher Gesichtsbeschreibungen sollen nachgezeichnet und die Frage erhoben werden, ob sich eine Dynamik feststellen lässt, die mit Brochs zunehmender Skepsis gegenüber der Dichtkunst und ihrer ethischen Möglichkeiten parallel geführt werden kann. Dies geschieht im Spannungsfeld der Künste Malerei und Musik, denen das Porträt, respektive Antlitz zugewiesen wird. Besonders spannend ist hierbei die Epiphanie Plotias gegen Ende des Vergil, die als Bild immer unscharf ist und zu einem musikalisch-rhythmischen Ereignis wird. Den Abschluss bildet die Überlegung, wie derartige Figuren-Beschreibungen auf Brochs poetische Sprache Einfluss nehmen und ob sie selbst eine hermeneutische Beschreibungs-Figur darstellen, die nur im Kontext nicht-literarischer Künste ihre volle Wirkungskraft erlangt.

Für das Program dieser Tagung, siehe "Symposien".